Frauen- und Gleichstellungspolitik in Baden-Württemberg

21. DGB-Bezirksfrauenkonferenz Baden-Württemberg

21. DGB-Bezirksfrauenkonferenz Baden-Württemberg

(Stuttgart, 8.7.2017) Unter dem Motto "ein Netzwerk das bewegt" tagen heute die Frauen der DGB-Gewerkschaften in Stuttgart. Die ver.di-Frauen sind mit 41 Frauen die größte Delegation.

DGB-Bezirksfrauenkonferenz Anette Sauer DGB-Bezirksfrauenkonferenz
  • Pressemitteilung des DGB zur Bezirksfrauenkonferenz:

    Martin Kunzmann auf der Bezirksfrauenkonferenz des DGB Baden-Württemberg: In den Köpfen der Arbeitgeber spuken noch immer veraltete Rollenbilder herum

    DGB-Vize Elke Hannack fordert Recht auf befristete Teilzeit

    Bei der Bezirksfrauenkonferenz des DGB Baden-Württemberg kommen heute 100 weibliche Delegierte aus allen acht Mitgliedsgewerkschaften in Stuttgart zusammen, um das gleichstellungspolitische Programm des DGB Baden-Württemberg für die kommenden vier Jahre zu beschließen. Sie diskutieren Anträge zu Teilzeitausbildung, Altersarmut von Frauen und Geschlechter(un)gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Frauenerwerbstätigkeit ist zu großen Teilen Teilzeitarbeit. Rund die Hälfte der erwerbstätigen Baden-Württembergerinnen (1,3 Millionen) hat lediglich eine Teilzeitstelle. Mehr als 450.000 Frauen im Südwesten haben ausschließlich einen Minijob. Das sind zwei Drittel aller geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse im Land.

    Der Landesvorsitzende Martin Kunzmann umreißt in seinem Grußwort die Bandbreite gleichstellungspolitischer Herausforderungen im Land: „Auch wenn Baden-Württemberg lange Zeit vom Zuverdienermodell geprägt war, sind immer mehr Frauen erwerbstätig. Aber der Anteil der Frauen am Arbeitsvolumen stagniert seit Jahren. Konkret heißt das: Minijobs und geringfügige Teilzeit sind noch immer überwiegend weiblich. Viele Frauen möchten mehr arbeiten, etwa um als Alleinerziehende nicht von Sozialleistungen abhängig zu sein oder um sich höhere Rentenansprüche zu erarbeiten. Neurentnerinnen mussten sich im Land 2016 mit durchschnittlich 687,40 Euro Rente zufrieden geben. Damit liegt ihre Rente deutlich unter dem Grundsicherungsniveau (etwa 770 Euro).“

    Baden-Württemberg trägt in Sachen Entgeltgleichheit die rote Laterne. Frauen verdienen im Schnitt 26 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. „Baden-Württemberg ist regelmäßig in der Spitzengruppe bei den Patentanmeldungen. Aber in Sachen Entgeltgleichheit hinkt das Musterland hinterher. In den Köpfen der Arbeitgeber geistern immer noch die überkommenen Rollenmuster herum. Frauen werden nach wie vor als Zuverdienerinnen betrachtet, die angeblich keine Familie ernähren müssen“, monierte Kunzmann. „Die Realität sieht anders aus. Steigende Mieten, wachsende Kosten für Mobilität, das sinkende Rentenniveau und eine hohe Scheidungsrate zwingen die Menschen, mehr zu arbeiten und eigenständige Berufskarrieren zu verfolgen – ganz abgesehen davon, dass unser Grundgesetz Chancengleichheit einfordert“, sagte der DGB-Landesvorsitzende.

    Deshalb sei es den Gewerkschaften wichtig, dass typische Frauenberufe aufgewertet würden. „Wir unterstützen die Erzieherinnen, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen in ihrem Kampf für mehr Anerkennung und bessere Bezahlung. Wir alle erwarten eine gute Betreuung und gute Bildung unserer Kinder, ein leistungsstarkes Gesundheitssystem und eine sorgsame Pflege unserer Pflegebedürftigen“, sagte Kunzmann und ergänzte: „Wir brauchen eine gute Bezahlung in den sozialen Berufen, maßgeschneiderte Ausbildungsgänge und eine realistische Stellenplanung für alle Bildungseinrichtungen – für die Kitas bis zu den weiterführenden Schulen. Für alle berufstätigen Eltern brauchen wir hochwertige und verlässliche Betreuungsangebote.“

    Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack machte in ihren Ausführungen zur Bundespolitik deutlich: „Der gerechte Ausgleich von Erwerbs- und Familienarbeitszeiten zwischen Männern und Frauen ist längst nicht erreicht. Das liegt auch daran, dass Männer in Erwerbsarbeit durchschnittlich gut acht Stunden pro Woche mehr arbeiten als Frauen. Wir wissen, dass viele Frauen ihre Arbeitszeit aufstocken wollen, während Männer sie reduzieren möchten. Aber eine Entscheidung für Teilzeit heißt heute eben oft immer Teilzeit. Leider gibt es immer noch keinen Rechtsanspruch dafür, die Arbeitszeit wieder aufzustocken. Heute Teilzeit zu arbeiten bedeutet in der Folge oft einen Karriereknick. Für viele Männer kommt Teilzeit daher nicht infrage. Deshalb muss endlich eine gesetzliche Regelung her. Dies wurde jüngst von den Arbeitgebern und der Union verhindert. Das Teilzeitrecht muss weiterentwickelt werden. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brauchen dringend den Rechtsanspruch auf Rückkehr aus Teilzeit und auf befristete Teilzeit, auch in Unternehmen mit weniger als 15 Beschäftigten. Nur so schafft die Politik einen Anreiz, damit auch Männer künftig ihre Arbeitszeit für die Familie reduzieren.“

    Die Delegierten setzen sich auch mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Erwerbstätigkeit von Frauen auseinander. Gabriele Frenzer-Wolf, stellvertretende DGB-Landesvorsitzende: „Von der Arbeitgeberseite wird immer wieder betont, welche Chancen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Digitalisierung bietet und welche Freiräume flexibles und mobiles Arbeiten für die Beschäftigten schafft. Dahinter verbirgt sich aber auch viel Propaganda. Viele Arbeiten, die heute häufig von Frauen geleistet werden, könnten in den nächsten Jahren wegrationalisiert werden, etwa Assistenztätigkeiten. Wir brauchen Weiterbildungskonzepte, um Frauen vor Arbeitslosigkeit zu schützen und ihnen auch neue Karrierechancen im Zuge der Digitalisierung zu eröffnen. Außerdem geht es uns darum, wie Beschäftigte Souveränität über ihre Arbeitszeit und Arbeitsmodelle erhalten können. Dies geht nur mit guten Tarifverträgen.“

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DGB-Bezirksfrauenkonferenz Anette Sauer DGB-Bezirksfrauenkonferenz
DGB-Bezirksfrauenkonferenz Anette Sauer Die ver.di-Delegation auf der DGB-Bezirksfrauenkonferenz